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Erinnerungen an Kenya - Große Füße und andere Begebenheiten



Wir hatten das unbeschreibliche Glück, bereits zweimal dieses herrliche Land bereisen und erleben zu dürfen. Kenia, offenbar die Wiege der Menschheit, ist ein Reiseland, das dem Gast überaus viel bietet:
Strände wie in der Südsee (Diani Beach), ein riffgeschützes, sanftes Meer, schneebedeckte Berggipfel (Mount Kenya), Savannen, Wüsten, Palmen, Binnenseen, eine Vielzahl in freier Wildbahn lebender exotischer Tiere, Regenwälder, geheimnisvolle Menschen, alte und neue Kulturen, Hightech und Mittelalter. Diese erstaunliche Vielfalt breitet sich vor dem Entdecker oder dem Touristen wie ein unendlicher Fächer aus; er wartet nur darauf, von ihm geöffnet zu werden.
Während unseres ersten Keniaaufenthalts im Jahre 1994 wagten wir uns sogar in die Dörfer und Hütten der Einheimischen.
Nie hatten wir dabei auch nur einen Moment ein Gefühl der Unsicherheit oder gar Gefahr. Die üblichen Reisen ("Safari" auf Kisuaheli) nach Mombasa, Voi, Salt-Lick-Lodge, Tsavo, Amboseli und Masai Mara erledigten wir jeweils pflichtschuldigst. Darüber an dieser Stelle zu berichten ersparen wir uns. Das liest man besser in guten Reiseführern nach.
Wir möchten heute lieber über zwei Menschen schreiben, die wir in Kenia getroffen haben, die uns mit ihren Gedanken und Anschauungen bereichert haben. Die wir dann aus den Augen verloren haben, was uns heute traurig stimmt.

Da war jenes Ehepaar aus der Frankfurter Gegend; liebenswürdige, einfache, altmodisch wirkende Menschen, die schon die halbe Welt bereist haben. Beide um die Fünfundsechzig. Sie hager mit listig-wachem, unentwegt beobachtendem Blick und guten Ohren; er wohlgenährt mit strammgespannter Haut am Bauch und im Gesicht, gelegentlich laut schnarchend auf der Gartenliege den Abend erwartend.

Unsere Liegen im weitläufigen Hotelgarten des Papillon Lagoon Reef standen unweit beieinander. Es war im Laufe unseres dreiwöchigen Aufenthalts zwangsläufig so, dass wir miteinander ins Gespräch kommen mussten, wenn wir nicht als unhöflich und arrogant gelten sollten. Bevor das aber so weit war, hatte sie uns mit ihren wachen Sinnesorganen schon so intensiv beobachtet, dass ihr offenbar mehr über uns bekannt war als uns selbst. Die Abende im Hotel verbrachten wir bis zu unserem Zusammentreffen meist in Gegenwart junger, sehr junger und manchmal für uns zu junger Menschen. Es ist schade, wenn die Zeit so vertan wird und dabei ein Leckerbissen an interessanten Erzählern unbeachtet bleibt. Aber unser Glück sollte sich in diesen Tagen des Jahres 2000 zu unserem Gunsten wenden...

Wie werden Gespräche eröffnet? Wie werden Fremde miteinander bekannt? Alle Prozeduren und gesellschaftlichen Regeln, Konventionen, die Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, als Eröffnungszeremonien bekannt sind, wie "Guten Tag, mein Name ist...", "Sind Sie öfter hier?", "Schönes Wetter heute", "Prost" oder "Darf ich bekannt machen..." vergessen Sie rasch.

Was halten Sie von dieser Eröffnung, die etwas aufgeregt und plötzlich vorgetragen so lautet: "Hebbet Sie auch de schwarze Aff mit de grooße Fiiß gesehn?"

Das rief uns die magere Frau vor Beginn unseres frühmorgendlichen Sonnenbades atemlos zu! Und sie verwirrte uns sprachlich und wegen der Heftigkeit des Vortrags dabei außerordentlich. Erstens dauert es morgens Stunden, bis ich wach und artikulationsfähig bin, zweitens hatten weder meine Frau noch ich außer den immer anwesenden Meerkatzen einen Affen gesehen, schon gar nicht einen mit großen Füßen. Meine Frau, die unter Punkt Erstens nicht zu leiden hat, verstand blitzschnell, nahm den Faden auf und ließ sich Details berichten. Nun kam auch er hinzu, nickte wiederholt zustimmend und vielsagend zu der Schilderung seiner Frau mit dem Kopf und sagte voller Impulsivität: "So grooße Fiiß" und zeigte dabei mit seinen dicken Händen einen Abstand von etwa vierzig Zentimetern auf, und er blickte uns dabei mit seinen großen, blauen Augen bedeutungsvoll an. Wir konnten uns nur mühsam ein Lächeln verkneifen.

Es war, wie sich im Laufe der Unterhaltung herausstellte so, dass die Frankfurter beim Verlassen ihres Zimmers beinahe über einen Affen mit diesen besonderen Merkmalen gestolpert waren. Anlass genug für viele Menschen (und auch Affen), dabei vor Angst und Schrecken in Ohnmacht zu fallen!

Martin und Gertrud erzählten uns dann von den Orang-Utans, denen sie in Borneo (Kalimantan) begegnet sind und von den Pandas in China. Meine Frage nach dem Ausmaß deren Füße wurde von meiner Frau mit einem diskreten Stoß in meine Rippen begleitet. "Nein", sagte Gertrud ernsthaft, deren "Fiiß" seien nicht so groß gewesen. Unsere Liegen rückten näher zusammen, denn Martin und Gertrud waren gute Erzähler, die Lohnenswertes aus der weiten Welt berichten konnten und deren Erfahrungsschatz nahezu unerschöpflich zu sein schien.

Sie berichteten zum Beispiel von dem neuen Flugplatz in Ushuaia auf Feuerland, der südlichsten Stadt der Erde, auf dem alles so neu war, dass die Verkaufsstände nicht einmal geöffnet hatten. Und dann kam das Flugzeug mit sechs Stunden Verspätung, und es gab auf dem neuen Aeroporto keine Speisen und Getränke!

Gertrud aber ist schlau! Sie hat immer ein Thermoskännchen mit gezuckertem Kaffee und einige Kekse im Gepäck. Immer. Auch in Ushuaia, am Ende der Welt.

Es fiel etwas Regen vom Himmel, der Angelika und mich überredete, uns schnell irgendwo mit unseren Sachen unterzustellen. Gertrud hingegen zauberte für sich und ihren Mann hauchdünne, dunkelgrüne Plastikumhänge und zwei Minischirme aus ihrer kleinen Handtasche. Die Frankfurter blieben auf ihren Liegen. Gertruds auf uns gerichteter Blick war überlegen!

© Heinz Albers, August 2002

Den Originalbericht und die passenden Fotos gibt es bei Heinz-Albers.de

 


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